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„Organspende: Deutschland fällt im internationalen Vergleich zurück“
So berichtet es der „Focus“ in seiner am Samstag den 04.März 2017 erschienenen Ausgabe. Seit 2010 ist die Zahl der Organspender immer weiter zurück gegangen. Waren es 2010 noch 1296 Spender, wurden 2016 gerade mal 857 Spender gezählt. Jahrelang wurde behauptet es liege an der mangelnden Bereitschaft der Menschen in Deutschland ihre Organe zu spenden. Man nahm an, dass es an Wissen über Organspende mangele, worauf es mehrere sogenannte Kampagnen der Bundesregierung gab. Eigentlich war das mehr Werbung als Aufklärung..
Dass sich diese „Aufklärung“ allerdings ins Gegenteil verkehrt, zeigt die Studie von der Erlanger Soziologin Larissa Pfaller ..

Mittlerweile aber heißt es, 35 Prozent der Bürger hätten einen Organspendeausweis und 65 bis 80 Prozent hätten ihre Meinung zumindest mündlich ihren Angehörigen kundgetan. Damit sei die Spendebereitschaft enorm hoch. Behauptet man zumindest aufgrund von Umfragen in der Bevölkerung. Das diese bei Umfragen oft genau das sagen, was der Fragende hören will, weiß man zu genüge, und gerade bei einem Thema wie Organspende, denn wer will schon als unsozial gelten? Außerdem ist es bei einem solchen Thema außerordentlich schwierig eine wirkliche Repräsentativität zu erreichen, um damit die Meinung von 80 Prozent aller Deutschen zu treffen. Die letzte Umfrage der DSO fand 2016 mit 4002 Befragten zwischen 14 und 75 Jahren statt. Hier zum Nachlesen..

Meinungswechsel..

Immer mehr kommt man jetzt zu dem Schluss, nicht die mangelnde Bereitschaft der Bevölkerung sei Schuld, denn diese sei ja mittlerweile sehr hoch, sondern die Krankenhäuser, obwohl diese Erkenntnis alles andere als neu ist. Immer wieder mal meldete sich die DSO mit dem Vorwurf, Kliniken würden nicht jeden potentiellen Spender melden. Seit 1997 hat dieses Argument eine Rolle gespielt. Damals, so das Bundesministerium für Gesundheit mit Bezug auf Daten der DSO, beteiligten sich nur 35 bis 40 Prozent der Kliniken mit Intensivbetten an der Meldung potenzieller Organspender. Im Transplantationsgesetz verpflichtete der Gesetzgeber darauf hin die Transplantationszentren und andere Krankenhäuser, hirntote, potenzielle Spender zu melden (§ 11, Abs. 4). Auch in den folgenden Jahren brachte die DSO diese Aussage immer wieder auf den Tisch. Wie aber kommt die DSO darauf?

Eigentlich ist dies eine sehr umstrittene Aussage, denn damals wie heute, werden Patienten die am Hirntod sterben nicht systematisch erfasst und niemand weiß genau wieviele Menschen wirklich einem Hirntod erlegen. Zwar besteht nach dem TPG (§ 9a / § 11 Absatz 4) eine Meldepflicht für alle Feststellungen des Hirntodes, und zwar auch dann wenn keine Organtransplantation im Raum steht, aber wenn man der DSO folgt, kann man nicht sicher sagen ob auch tatsächlich alle gemeldet werden.

0,5 Prozent aller Todesfälle kommen überhaupt als Spender in Frage..

Pro Jahr sterben in Deutschland etwa 400.000 im Krankenhaus. Davon werden nur etwa ein Prozent, also ca. 4000 Menschen, überhaupt als hirntot diagnostiziert. Das heißt weniger als 0,5 Prozent aller Todesfälle kommen überhaupt als Spender in Frage. Im Jahr 2015 wurden bundesweit 2.245 potentielle Spender an die DSO gemeldet, realisiert wurden 877.
(Quelle: DSO Jahresbericht von 2015/ 2016 ist noch nicht raus)

Nun, die DSO geht von den 797 zur Organ-Entnahme lizenzierten Kliniken aus. Davon hätten laut DSO in den vergangenen neun Jahren 165 nicht eine einzige Meldung an die DSO gemacht. Selbst größere Unikliniken bei denen bis zu 10 Hirntote „erwartet“ werden, hielten sich auffallend zurück. Laut DSO sei die Zahl der Meldungen seit 2010 kontinuierlich gesunken, so der „Focus„. Was sind die Gründe?

Der wichtigste Grund für die mangelnde Bereitschaft, Organe zu entnehmen, ist laut „Focus“ die bescheidene Bezahlung der Entnahmekliniken..

Laut der Veröffentlichung der DSO, erhalten Kliniken zwischen 531 Euro für eine Meldung – und bis zu 4.878 Euro, falls dem Patienten mehrere Organe entnommen werden, wenn nicht, reduziert sich die Pauschale um 1000 Euro auf 3890 Euro. Eine Multiorganentnahme bedeutet die Entnahme von mindestens zwei Organen, wobei beide Nieren als ein Organ gelten aber einzeln an Empfänger vermittelt werden!
Es gibt 1.327 sogenannte Entnahmekrankenhäuser. Sie sollen mögliche Organspender identifizieren, melden und dann die Organentnahme durchführen. Darunter auch viele kleine Kliniken. Für Ärzte und Pfleger auf den Intensivstationen bedeutet ein Hirntoter nur zusätzliche Arbeit. Sie müssen die Angehörigen betreuen und aufwendige zusätzliche Untersuchungen an dem eigentlich sterbenden Patienten durchführen. Bei der heutigen Personalsituation sowieso schon kaum zu schaffen. Zeitverlust der auf Kosten anderer Patienten geht, für die diese Zeit fehlt, und die im Gegensatz zum möglichen Organspender schließlich noch gesund werden können.
Und was, wenn alles umsonst war, und die Spende aus welchem Grund auch immer doch nicht realisiert werden kann? Dann gibt es noch viel weniger Geld und der ganze Aufwand war umsonst und hat die Klinik nur Geld gekostet. Was also tun? Melden oder lieber durch Therapiebegrenzung sterben lassen?

Fakt ist, wenn der Arzt sich dafür entscheidet, den Patienten sterben zu lassen, dauert das ohne weitere Maßnahmen oft nur noch einen Tag..

Dann ist der teure Intensivplatz wieder frei für einen neuen Patienten, der Geld bringt. Meldet man jedoch einen Patienten zur Organspende, ist das Bett eventuell mehrere Tage belegt, bis die vorgeschriebene Hirntoddiagnostik durchgeführt wurde und alles für die Organentnahme vorbereitet ist. Die Explantationspauschale von 4 878 Euro soll das Intensivbett einschließlich Pflegepersonal, die Bereitstellung des Operationssaals, der mehrere Stunden belegt ist, ebenso ausgleichen, wie die Bereitstellung des OP-Personals, Instrumente und Medikamente. Die Pauschale ist eigentlich bei weitem nicht ausreichend, vor allem, wenn nach einer Organentnahme nachts in einem kleinen Krankenhaus, mit nur einem OP eine für den nächsten Tag geplante Operation ausfallen muss. Auch erforderliche Zusatzuntersuchungen wie etwa eine CT-Angiographie sind bereits mit der Pauschale abgegolten. Das Krankenhaus wird 100 prozentig ein Minus machen, denn die Leistungspflicht der Krankenkasse des potentiellen Organspenders endet schließlich schon unmittelbar vor dem festgestellten irreversiblen Hirnfunktionsausfall.

Zum Vergleich: In Spanien wird explantierenden Krankenhäusern eine Multiorganspende mit 6.000 Euro plus 1.500 Euro pro Stunde Belegung des Operationssaals vergütet..

Eine Organspende kostet also Zeit und Ressourcen, bringt der Klinik aber absolut keinen Gewinn, eher das Gegenteil. Eine Analyse der Chirurgischen Universitätsklinik Lübeck offenbart die Kostenrelation: Rund 1.400 Euro Kosten verursacht ein Intensivbett pro Tag. Ein normales Krankenhausbett dagegen nur etwa 200 Euro. Das heißt: Schon nach zwei Tagen Intensivstation rutscht eine Klinik ins Minus, weil die jetzt noch folgenden Kosten die Pauschalen weit übersteigen. Den Reibach machen nachher ausschließlich die Transplantationskliniken. Deren Einnahmen stehen im krassen Gegensatz zu den mageren Tantiemen der Entnahmekliniken.

In Deutschland übernehmen die Krankenkassen des Organempfängers die Operationskosten. Sie zahlen je nach Erkrankungsgrad einen festen Satz an das Krankenhaus. Eine Lebertransplantation mit Vor- und Nachbehandlung kann nach Angaben von Richard Viebahn, Chefarzt am Bochumer Universitätsklinikum und Vorsitzender der Ethikkommission der Deutschen Transplantationsgesellschaft, bis zu 200.000 Euro kosten. Eine Nierentransplantation kostet im Durchschnitt zwischen 50.000 und 65.000 Euro. Laut Krankenkassen gehören Transplantationen zu den teuersten Operationen überhaupt.
„Wenn ein Organ verpflanzt werden muss, geht es um Leben und Tod. Deshalb ist eine exzellente medizinische Versorgung so wichtig. Ein wirtschaftliches Kalkül darf dabei nicht im Vordergrund stehen“, sagt Uwe Deh, ehemals geschäftsführender Vorstand des AOK-Bundesverbandes. Ob das die am Hungertuch nagenden Kliniken auch so sehen?

Sicher ist: Für Entnahmekliniken ist die Organspende ein Minusgeschäft..

Dabei müssen Kliniken in der heutigen Zeit mit jedem Cent rechnen. Die Knappheit finanzieller Ressourcen und der kritischen Personalsituation, ist sicher auch entscheidend bei der Frage einen potentiellen Spender zu melden oder nicht. Seit gut fünfzehn Jahren setzt die Gesundheitspolitik auf ein neues Vergütungssystem und setzt alle Kliniken unter verstärkten wirtschaftlichen Druck, um unrentable Häuser zu identifizieren und zur Aufgabe zu zwingen. Die neuen Regeln wurden im Jahr 2003 eingeführt und sind seit 2004 für alle Krankenhäuser verpflichtend. Hinter dem Kürzel DRG (Diagnosis Related Groups) verbirgt sich ein kompliziertes Klassifizierungs- und Abrechnungssystem, bei dem nicht der tatsächliche Behandlungsaufwand beim einzelnen Patienten vergütet wird, sondern Durchschnittswerte zugrunde gelegt werden, die im Zusammenhang mit den jeweiligen Diagnosen errechnet werden.

Natürlich hat jede Krankheit ihren individuellen Verlauf. Manchmal erholt sich der Patient überraschend schnell, dann kann die Klinik einen Gewinn verbuchen. Kommt es zu Komplikationen, weil sich die Heilung verzögert und es mehr Aufwand braucht , zahlt die Klinik schon drauf. Erst recht bei einem Hirntoten der eigentlich, nach dem Gesetz schon Tod ist, aber enorme intensivmedizinische Betreuung braucht. Und es kann Tage dauern bis die Hirntoddiagnose gestellt und die Organe entnommen werden. Seit Einführung des DRG-Systems wurden schon viele Kliniken geschlossen. Die Abrechnung über Fallpauschalen brachte vor allem kleinere Krankenhäuser in wirtschaftliche Schwierigkeiten, weil sie die Schwankungen beim Behandlungsaufwand kaum ausgleichen können. Da wird alles abgewogen, auch eine Meldung eines potentiellen Organspenders an die DSO! Eine Organentnahme ist in den meisten Häusern sowieso ein seltener Ausnahmefall. Dass die Bereitschaft für diesen Ausnahmefall auch noch Kosten zu tragen gering ist, kann den Krankenhäusern niemand verdenken.

Der Hirntod ist ein seltenes Ereignis..

Ein weiterer Grund! Selbst in großen Kliniken kommt dies nur wenige Male pro Jahr vor. Viele Ärzte haben also kaum Routine um zu sehen ob ein Hirntod bevorsteht und erkennen mögliche Organspender nicht. Und aus oben genannten Gründen, haben viele Kliniken kein wirkliches Interesse daran, das zu ändern, weil Explantationen eben ein Loch in jedes Budget reißt.
Um diesen Umstand zu ändern, installierte das Transplantationsgesetz die klinikeigenen Transplantationsbeauftragten. Diese sind nach § 11, Abs. 4 TPG verpflichtet potentielle Organspender zu melden. Aber wer beißt schon die Hand die einen füttert, wenn man, wenn auch vielleicht nicht offen ausgesprochen, weiß das man nicht unbedingt im Interesse des Arbeitgebers handelt..

Auch die Tatsache das sich die Entscheidung zur Intensivtherapie bei Patienten mit schwersten Hirnverletzungen verändert hat und damit weniger potenzielle Spender auf den Intensivstationen behandelt werden trägt zu weniger Meldungen bei. Einer Studie zufolge wird in Deutschland bei schwerkranken Patienten die Therapie nach Rücksprache mit den Angehörigen, oft ziemlich schnell auf reine Palliativbetreuung, also Schmerzlinderung, umgestellt. Eine immer größere Rolle spielen dabei Patientenverfügungen.

Auch Ärzte und Pfleger haben Zweifel an Hirntod und Organspendesystem..

Eine weitere, meist unter den Teppich gekehrte Begründung für die mangelnde Meldebereitschaft ist das immer größer werdende Misstrauen der Ärzte und Pflegekräfte gegenüber der Organspende. Steht das Pflegepersonal nicht hinter der Organspende, tun sie sich oft schwer damit, Angehörige auf die Möglichkeit einer Organspende anzusprechen, oft auch aus Angst, Angehörige könnten befürchten, man sei weniger an der Gesundung des Patienten als an dessen Organen interessiert und nicht jeder Arzt führt die aussichtslose Intensivtherapie bis zum Nachweis des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls fort, um dann eine Organspende realisieren zu können..

Auf dem 12. Kongress der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) wurde im Dezember 2012 mittels Paper-pencil-Befragung eine Punktprävalenzstudie bei insgesamt 4694 Teilnehmern durchgeführt. Es wurden 1045 Fragebögen ausgewertet. Die Mehrzahl (82%) der Umfrage- teilnehmer hatte bereits mindestens einmal während der Berufstätigkeit einen hirntoten Patienten betreut.

Von den Befragten befürwortete 81 % die eigene Organspende im Falle ihres Hirntods. Die Zustimmungsrate in der ärztlichen Berufsgruppe betrug 84 % und in der pflegerischen Berufsgruppe 75 %. Einen Organspendeausweis besaßen 45,3 % der Teilnehmer (Ärzte 47 %, Pflegekräfte 44 %), annähernd die Hälfte (45 %) hatte ihre Einstellung zur Organspende bereits der Familie oder Freunden mitgeteilt.

Als Hauptgründe gegen eine Organspende wurden die fehlende Akzeptanz des Hirntodkonzepts (40 %), Angst vor Missbrauch durch Organhandel (29 %) sowie die fehlende Unversehrtheit des eigenen Körpers nach dem Tod (11 %) genannt. Als mögliche Hauptgründe für die geringe Organspenderrate in Deutschland wurden zudem die mangelnde Information der Bürger (29%), Organisationsmängel im Transplantationswesen (22%) sowie Ängste der Bürger (21%) angegeben. Die im Jahr 2012 besonders intensiv geführte Diskussion über Organspende und Transplantationsmedizin hat bei 45 % der Befragten zu einer vorwiegend negativen Veränderung der Haltung geführt. Hier können Sie die gesamte Befragung lesen.

„Die Manipulationen bei der Organvergabe haben nicht nur das Vertrauen der Bürger in das Organspendesystem erschüttert“..

sagt Thomas Breidenbach, Geschäftsführender Arzt der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Bayern in einem Interview mit Spiegel online. Im Rahmen einer Studie im Auftrag der DSO Bayern, hatten Wissenschaftler knapp 3000 Fragebögen aus 50 bayerischen Kliniken ausgewertet. Befragt wurden Ärzte und Pflegende, die auf Intensivstationen, in Operationssälen und im Bereich der Hirntoddiagnostik arbeiten. 81 Prozent der Teilnehmer gaben an, zwar eine grundsätzlich positive Einstellung zur Organspende zu haben, aber 28 Prozent gaben an, dass die Skandale diese Einstellung negativ geändert hätten. Sogar nur 57 Prozent der Befragten würden sich selbst einer Transplantation unterziehen. Raus kam auch, dass neun von zehn!! Ärzten zu wenig über Organspende wissen! Die befragten Ärzte waren der Ansicht, das der Konkurrenzdruck unter den Transplantationszentren die Manipulationen begünstigt. Viele Pflegende dagegen sehen die Geldgier einzelner Mediziner als Hauptursache. Die Mehrheit aller Befragten glaubt zudem nicht, dass die von der Politik getroffenen Maßnahmen Manipulationen künftig verhindern.

Fazit: 90 Prozent der Ärzte und des Pflegepersonals bekannten, unzureichend über das Thema Organspende informiert zu sein! Seit 2012 wurden von den Krankenkassen zusätzlich 100 Millionen Euro aufgewendet, um alle Krankenversicherten anzuschreiben. Vielleicht sollte die Bundesregierung mehr Geld für die Aufklärung dieser Personengruppe bereitstellen anstatt der Bevölkerung mit ihrer Werbung auf die Nerven zu gehen..

..oder wie sehen Sie das..