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Wir alle kennen und hassen diese „Aber“ Sätze. Wenn wir dieses Aber schon hören, sträuben sich bei vielen die Nackenhaare. Es klingt immer etwas Negatives mit. Ein Aber schafft sofort eine Hürde, es suggeriert uns ein verkapptes Nein. „Aber” leitet einen Widerspruch ein. Wir wollen keinen Widerspruch sondern Zustimmung oder Lob. Man will sein Tun nicht so runterziehen lassen. Sofort schaltet unser Gehirn auf Abwehr..
Nicht von ungefähr raten deshalb findige Psychologen, man solle solche Aber Sätze doch bitte immer mit einem positiven Hinweis beginnen, dann werde diese erste, positive Hälfte die zweite, negative Satzhälfte quasi außer Kraft setzen und dem angesprochenen die Hürde nehmen, sich verteidigen zu müssen .
Ein „Ja, ich gebe Ihnen Recht, wenn sie sagen, dass … Aber Sie sollten auch bedenken..“ hört sich wesentlich positiver an und vermittelt keine pure Ablehnung.
Konstruktive Kritik nennt man sowas, kurz gesagt, eine bunte Pille schlucken wir lieber..
Psychologie spielt eine große Rolle in unserem Leben. Ob man will oder nicht.
Viele Eltern haben auch die Erfahrung gemacht, dass ihr Nachwuchs ein bestimmtes Verhalten eher annimmt wenn man erwähnt das Freund XY dies schließlich auch so macht..

Genau hier setzt jetzt Nudging ein..

Was das ist? Eine andere bunte Pille, eine die uns manipuliert und uns der Meinung sein lässt genau das richtige zu tun, und zwar weil wir selbst das so Entscheiden.
Glauben wir zu mindestens. Das wir durch einen „sanften Schubser“ erst überhaupt darauf gebracht wurden, fällt uns gar nicht auf. Viel zu gut verpackt. Harmlos.
Nudging heißt das Konzept, englisch für „anstupsen“

Es geht um eine neue Methode, die Gesellschaft zu verändern und Politik zu machen. Nicht mit Verboten, sondern mit Psychomethoden, die auf unser unterbewusste Verhaltensmuster zielen. Verhaltensökonomen haben herausgefunden, dass oft schon ein kleiner Anstoß reicht, damit wir, der dumme Bürger, bessere Entscheidungen treffen, denn, so sagt der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter:

„Die Wissenschaft hat festgestellt, dass viele Menschen so handeln, dass es ihren eigenen Interessen widerspricht“

..oder besser denen des Staates!?

Normalerweise..

Die meisten Menschen handeln emotional, auch wenn Rationalität oft besser wäre. Aber oft können oder wollen wir nicht aus unserer Haut. Man orientiert sich meist an dem sozialen Umfeld. Oft ist die Entscheidung, nichts zu tun, die bevorzugte Variante, weil man Angst hat , doch falsch zu handeln, oder schlicht zu faul ist. Sogenannte Standards werden kaum hinterfragt und man nimmt an, oder setzt voraus, dass es sich um die beste Lösung handelt. Wir orientieren uns auch gerne daran, was andere tun, vor allem wenn wir Unsicher sind. Wird uns suggeriert, dass die Mehrheit das gleiche tut, sehen wir das dann gerne als Norm an. Normen sind gut. Man weiß woran man ist.
Laut Verhaltensökonomen ist dieses Verhalten mit großer Wahrscheinlichkeit vorhersagbar und lässt sich nutzen..

Kritiker halten Nudging für Gängelei..

„Man kann ohne Gesetze und Verordnungen seine Ziele erreichen“, sagt Wirtschaftsprofessor Cass Sunstein, der als der geistiger Vater des Stups-Ansatzes gilt, seit er 2008 seinen Bestseller „Nudge: Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness“ veröffentlichte.
Kritiker allerdings sehen im Nudging eine hinterhältige Form der Gängelei. Der Staat manipuliert und bevormundet uns unmerklich und schafft sich so seinen braven, zufriedenen Musterbürger..

Unsere Regierung doch nicht..

Aber sicher doch! Das Bundeskanzleramt suchte im August 2015 für den „Dienstort Berlin für das Referat Stab Politische Planung, Grundsatzfragen und Sonderaufgaben befristet bis zum Ende der 18. Legislaturperiode drei Referenten“.
Die Bewerber sollten „hervorragende psychologische, soziologische, anthropologische, verhaltensökonomische bzw. verhaltenswissenschaftliche Kenntnisse“ haben. Die gesuchten Experten sollen der Kanzlerin beim „wirksamen Regieren“ helfen. Unsere Regierung übernimmt damit einen Ansatz, den die Amerikaner und Briten schon seit Jahren anwenden..Nudging..
Ein Beispiel wo Nudges mittlerweile eingesetzt werden: die Autobahn.
Anstatt Schilder mit Geschwindigkeitsbegrenzungen installiert das Verkehrsministerium am Straßenrand Plakate: „Papi, fahr vorsichtig“..Schups..
Schließlich hängen unsere Entscheidungen auch davon ob, wie Fakten präsentiert werden. Psychologen sprechen vom Framing (englisch für „einrahmen“): Wenn der Arzt sagt, dass fünf Jahre nach einer bestimmten Operation 90 von 100 Personen noch leben, entscheiden sich mehr Patienten für diese Operation, als wenn er sagt, dass 10 von 100 tot sein werden..Schups..
Seit Mai 2016 sollen Schockbilder auf Zigarettenschachteln für einen Rückgang des Tabak-Konsums sorgen..Schups..

Was hat das mit Organspende zu tun..

Die so oft zitierte und sehnlichst gewünschte Widerspruchslösung bei Organspenden, die Länder wie Österreich oder Spanien bereits nutzen, ist aus der Perspektive der Verhaltensökonomie auch ein Nudge. Jeder Bürger wird gesetzlich zum Spender bestimmt, es sei denn, er wird aktiv und ändert dies zu Lebzeiten. Was glauben Sie, wie es aussieht, wenn man eine Organspende ausdrücklich ablehnen anstatt ihr ausdrücklich zustimmen muss? In Deutschland sind angeblich 80% für die Organspende, aber nur knapp 32% haben auch einen Ausweis. In etwa genauso würde auch ein Widerspruchsregister aussehen, nur eben umgekehrt..
Man weiß, dass sich Menschen mit vielen, selbst für sie persönlich, wichtigen Themen nicht beschäftigen oder beschäftigen wollen. Wir nehmen hin, wie es eben ist, hinterfragen oft nicht. In Österreich z.B sind nur knapp 40.000 von 8,8 Millionen im Widerspruchsregister registriert. Davon sind viele Ausländer. Nicht umsonst haben jetzt auch Frankreich und die Niederlande die Widerspruchslösung eingeführt..

Nur, es ist zwar richtig, dass der Anteil potenzieller Organspender in Österreich deshalb offiziell achtmal höher ist als in Deutschland, aber im Ernstfall widersprechen auch dort viele Angehörige der Entnahme von Organen..
Die Zahl der Organspender in Österreich ist im Grunde also trotzdem nicht viel höher als in Deutschland. So viel zur Widerspruchslösung..

Gesundheitsminister Gröhe argumentiert gegen die Widerspruchslösung, da der Bundestag einmütig für die sogenannte Entscheidungslösung gestimmt habe:
„Ich bin von dieser Regelung überzeugt, denn die Entscheidung für die Organspende ist eine ganz persönliche. Sie sollte immer eine eigene, freiwillige, informierte und vor allem eine bewusst getroffene Entscheidung sein.“ Aha..
Seine persönliche Meinung: „Niemand ist Kollektiveigentum der Gemeinschaft“..

Unterstützung erhielt er dabei von Franziska Liebhardt, Medaillengewinnerin bei den Paralympischen Spielen in Rio und Organempfängerin. Ihr sei es sehr wichtig zu wissen, dass der Mensch, der ihr die Organe gespendet habe, dies auch ausdrücklich gewollt habe, sagte sie. Schön dass sie da so sicher ist wo doch in acht von zehn Fällen immer noch die Angehörigen entscheiden und damit eine Zwangsexplantation autorisieren..

Informationskampagne..oder doch Werbung..

Sehen wir uns einmal die neue Kampagne zur Förderung der Organspende an. Sie heißt jetzt nicht mehr Werbekampagne, denn das hat der Ehtikrat ausdrücklich bemängelt, sondern Informationskampagne!

Ja ja, man kann zwar auf diesen Plakaten immer noch nach Information mit der Lupe suchen, finden werden Sie nichts, aber Papier ist geduldig..

Der Text:
„Mitten im Leben fällt es nicht leicht, eine Entscheidung für oder gegen eine Organ- und Gewebespende nach dem Tod zu treffen. Wer mag schon gern daran denken, dass eines Tages der Ernstfall eintreten könnte? Dennoch ist es wichtig, sich zu Lebzeiten mit dem Thema zu beschäftigen und eine persönliche Entscheidung zu treffen. Sonst müssen das unter Umständen die Angehörigen übernehmen“..

Merken Sie was? Man hat vollstes Verständnis für ihre Unentschlossenheit, akzeptiert diese auch, ABER..denken Sie doch  wenigstens an ihre armen Angehörigen..Schups..

Das Plakat:

 

 

 

 

 

 

 

 

quelle: Organspende-info.de

 

Hauptsache Sie haben ihn„..
Es wird suggeriert, der Organspendeausweis gehört zum alltäglichen Leben.
Ihn zu tragen und darin die persönliche Entscheidung zu einer Organspende festzuhalten, ist eine Selbstverständlichkeit, dazu die vielen positiven Gesichter von glücklichen Transplantierten, die jetzt ihr Kind aufwachsen sehen können..
Denken Sie jetzt an ein Nein?..Schups..

Informanten..

Klaus J. Behrendt, Eva Habermann, Elisabeth Lanz und Roy Peter Link, die Moderatoren Sonya Kraus, Markus Lanz und Kamilla Senjo, den Komiker und Schauspieler Ralf Schmitz, den Olympiasieger im Gewichtheben Matthias Steiner und
und und. Die Liste lässt sich beliebig erweitern. Sie alle machen Werbung für Organspende..
Testimonial nennt man das. Die konkrete Fürsprache für ein Produkt, durch eine Person, die der Zielgruppe meist bekannt ist und mit ihrem Auftritt die Glaubwürdigkeit der Werbebotschaft erhöhen soll. Das Marktforschungsinstitut IMAS hat für Spots mit Prominenten eine 8 Prozent höheren Erinnerungswert als im Durchschnitt nachgewiesen. Promis genießen oft ein hohes Ansehen und kommen sympathisch rüber. Was der bewirbt kann doch nicht schlecht sein..Schups..
Also seien Sie gewarnt und lassen Sie sich nicht rumschupsen..

Kritische Stimmen..

Aber es gibt auch kritische Stimmen aus der Wissenschaft. Vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPI) in Berlin-Dahlem. MPI-Chef Gerd Gigerenzer erforscht, wie Menschen Entscheidungen treffen, und ist erklärter Widersacher von Nudging.
Für ihn ist Nudging „die Philosophie von Gutmenschen, die mit den Mitteln der Werbung operieren“. Man versuche die Menschen von außen zu steuern, ohne ihre Kompetenz zu erhöhen. Der Nudging-Staat sei „eine Expertendemokratie, wo man annimmt, dass Experten wissen, was für Sie und mich richtig ist“.
Die FAZ fürchtet sogar einen Anschlag auf die Freiheit: „Schubsen ist Manipulation, Manipulation Bevormundung und Bevormundung entwürdigend.“ Stimmt..

..oder wie sehen Sie das..