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Wir alle sollen jetzt bald von Geburt an Organlieferant sein, sofern man sich, falls man dies kann, nicht zu Lebzeiten dagegen ausgesprochen hat. Die Zahl der Zwangsexplantationen soll sprunghaft steigen und laut Spahn „Normalfall“ werden. Bei einer Widerspruchslösung kann von „Organspende“ allerdings keine Rede mehr sein, Spenden sind freiwillig. Diesem Umstand würde sowieso nur die enge Zustimmungslösung gerecht..

Gesundheitsminister Spahn, der noch im August betonte das Hauptproblem sei nicht die mangelnde Spendenbereitschaft, sondern vielmehr mangelnde Bereitschaft bei den Kliniken, wie auch jüngst eine im „Deutschen Ärzteblatt“ veröffentlichte Studie belegte, favorisiert plötzlich und völlig überraschend die Widerspruchslösung, damit „Organspende zum Normalfall werden soll“. Sogar Lauterbach, ein ausgesprochener Freund der Widerspruchslösung, staunte. Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion sagte vor Journalisten in Berlin: „Das Interesse von Spahn an der Widerspruchslösung hat mich sehr überrascht.“

Nicht nur ihn..

Dabei wissen diese Gesundheitsexperten längst, dass laut einer Studie von Kevin Schulte und Thorsten Feldkamp vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein nicht die angeblich mangelnde Spendenbereitschaft die Ursache für den Rückgang der Organspenden, sondern hauptsächlich die geringe Meldezahlen von Kliniken die Krux ist. Untersucht wurden die Zahlen theoretisch möglicher und tatsächlicher Organspenden in deutschen Kliniken in den Jahren 2010 bis 2015. Zu ihrer Verwunderung wurde festgestellt, dass die Zahl möglicher Organspender sogar gestiegen ist!

Verantwortlich für den Rückgang der Organspenden seien die Entnahmekliniken, die immer weniger mögliche Spender melden. Obwohl sich zwischen 2010 und 2015 die Anzahl potenzieller Organspender um 13,9 Prozent auf 27 258 erhöhte, nahm die Kontaktaufnahme zur DSO, die in den Prozess eingeschaltet werden muss, im gleichen Zeitraum um 18,7 Prozent ab. Die Anzahl der tatsächlich realisierten Organspenden sank sogar um 32,3 Prozent und sackte 2017 auf das historische Tief von 797.  Die Studie ist im „Deutschen Ärzteblatt“ erschienen. Ob Spahn die auch kennt, und wenn ja, warum ignoriert er das Ergebnis?

Auch die Organisation Ärzte für das Leben e.V. halten die Widerspruchslösung für bedenklich, weil die sinkende Bereitschaft zur Organspende eben nicht NUR allein die Schuld der Krankenhäuser sei, sondern auch die Skepsis der Bevölkerung gegenüber dem Hirntod, wie durch die „Göttinger Organspende-Survey“ klar belegt wurde. 

Forscher der Universitätsmedizin Göttingen und des Instituts für Soziologie der Friedrich- Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg haben sich zwei Jahre lang mit der Frage befasst, was die Entscheidung gegen eine Organspende motiviert und welche Rolle die öffentliche Diskussion dabei spielt. Insgesamt wurden 60 Personen befragt, die der Organspende skeptisch gegenüberstehen. Zusätzlich analysierte die Forschergruppe über 80 Plakatmotive deutscher Organspende-Kampagnen und deren moralische Botschaft. Die Untersuchung mit dem Titel „Ich möchte lieber nicht. Das Unbehagen mit der Organspende und die Praxis in der Kritik“  kommt zu dem Ergebnis, dass die Organspende als sozial erwünschtes Verhalten dargestellt wird. Die Organspenden-Kampagnen würden nicht primär informieren, sondern die Betrachter subtil unter Druck setzen. Als Grund für die Ablehnung einer Organspende gaben die Betroffenen an, dass der Hirntod nicht mit dem endgültigen Tod eines Menschen gleichgesetzt werden könne. Zudem äußerten viele Teilnehmer den Wunsch nach körperlicher Unversehrtheit. Die Forscher kommen in der Studie zu dem Fazit, dass das Unbehagen und die Skepsis nicht „einfach übergangen oder als irrational“ abgetan werden dürften.

2012 sah Jens Spahn übrigens die Sache auch noch ganz anders. Damals kam eine Widerspruchslösung für ihn nicht in Frage..

„Die Widerspruchslösung bei Organspenden, wie etwa in Spanien praktiziert, führe nachweislich nicht zu einer höheren Spendenbereitschaft“, sagte Spahn im März 2012 in einem Interview. Richtig!.. sagt auch Prof. Dr. Paul Cullen, Vorsitzender der Ärzte für das Leben e.V.: „Die Einführung der Widerspruchslösung hat die Spenderate in Schweden und Singapur nicht verändert, währende in Brasilien, Lettland und Dänemark die Organspendebereitschaft sogar gesunken ist“, so Cullen. Warten wir es ab..

Damals war sich Spahn auch bewusst was „Spende“ heißt. Sein Fazit: „Dieses Modell zwingt jeden, der seine Organe nach dem Tod nicht spenden wolle, zu einer Erklärung. Es geht um Nächstenliebe, nicht um Zwang“, betonte Spahn. Er persönlich halte einen Zwang für ethisch unvertretbar..

Was also bewirkte diesen Sinneswandel? Er sei „lange hin- und hergerissen“ gewesen in dieser Frage, sagt Spahn. Es gebe ja auch gute Argumente dagegen. Stimmt, es gibt mehr als genug! „Immerhin greift der Staat hier in die Freiheit des Einzelnen ein.“ Doch seien alle bisherigen Versuche der Politik, die stark zurückgehende Zahl der Organspender wieder zu erhöhen, ohne Erfolg geblieben. Welche Versuche der Politik? Meint er die Werbetrommeln..

Nicht umsonst hat er bis jetzt keinen Gesetzesentwurf vorgelegt. Er möchte erst einmal eine Debatte im Bundestag. Hatten wir ja auch noch nie. Er weiß nur zu gut, dass er einigen Widerstand erwarten darf, auch aus den eigenen Reihen. Selbst die katholische Kirche lehnt eine derartige Änderung ab. 

Versucht haben es schließlich schon viele..

Seit 1973 forderten Ärzte dass es endlich eine verbindliche Regelung bezüglich der Organspende geben müsse. 1975 legt dann das Bundesjustizministerium einen ersten Gesetzentwurf vor. Der Hirntod wird als Kriterium für den Tod des Menschen definiert und mit der Widerspruchslösung kombiniert. Das Kabinett billigte den Entwurf. Der Gesetzentwurf scheitert dann allerdings 1978 im Bundesrat weil die Kammer den Druck, der auf jedem Bürger lasten würde, um ungewollte Organentnahme zu verhindern, für unangemessen hielt. Wieder tat sich lange nichts. Dies wollte Rheinland-Pfalz so nicht hinnehmen und verabschiedete im Juni 1994 selbst ein Gesetz mit Widerspruchslösung. Ein bundesweiter Sturm der Entrüstung war das Ergebnis, so dass man das Gesetz im August ’94 schnellstens wieder aufhob..

Als dann 1996 das erste Transplantationsgesetz endlich an den Start gehen sollte, war die Widerspruchslösung natürlich auch wieder Thema. Bei der ersten Beratung zum TPG am 19.04.1996 sagte Dr. Dieter Thomae (F.D.P): „Einigkeit besteht bei uns allen, dass die Widerspruchslösung, bei der bei einer Nichterklärung des potentiellen Spenders Organe entnommen werden dürfen, die schlechteste Lösung ist“. Richtig!

Seehofer der damals Gesundheitsminister war sprach sich ebenfalls gegen die Widerspruchslösung aus. Sein Statement anlässlich einer Anhörung im Bundestag:

„Ich sage das mit allem Respekt vor denen, die sich nicht zu einer Organspende entschließen können – aus welchen Gründen auch immer. Es steht niemandem zu, diese Entscheidung zu kritisieren. Und es steht erst recht niemandem zu, das Maß der Mitmenschlichkeit nur und ausschließlich oder doch zuerst am Kriterium der Organspende festzumachen. Eine Moral, die das zuläßt oder fördert, würde sich selbst urteilen.“

Schließlich einigte man sich auf die erweiterte Zustimmungslösung.

Auch 2011 als die Reform des Transplantationsgesetzes anstand, wurde die Widerspruchslösung wieder gefordert. Sachverständige hatten im Gesundheitsausschuss des Bundestages bei einer Anhörung bereits erklärt, eine Widerspruchslösung sei nicht mit dem Selbstbestimmungsrecht zu vereinbaren und daher verfassungswidrig. Trotzdem forcierten der damalige hessische Sozialminister Stefan Grüttner und der bayerische Gesund­heits­minister Markus Söder die Umsetzung einer erweiterten Widerspruchslösung. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat sich damals ausdrücklich gegen eine Widerspruchslösung bei der Organspende ausgesprochen. Sein Argument damals: „Ich bin ein Gegner dieser Widerspruchslösung, weil es letztlich auf die Faulheit der Menschen setzt“ und  „Wir sollten mehr für Werbung tun, für Akzeptanz, Aufklärung. Ich glaube, dann würden wir auch die Spendenbereitschaft deutlich erhöhen.“

Aktuelle Daten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung von 2018 bestätigen die damalige Annahme von Bahr, sie zeigen dass die Entscheidungslösung durchaus Wirkung zeigt: Zwar gehen die Spenderzahlen weiter nach unten, aber immer mehr Menschen haben einen Spenderausweis, waren es 2012 noch 22 Prozent, sind es im Jahr 2018 bereits 36 Prozent. 

Auch sein Nachfolger Hermann Gröhe argumentierte später, der Bundestag habe einmütig für die sogenannte Entscheidungslösung gestimmt. „Ich bin von dieser Regelung überzeugt, denn die Entscheidung für die Organspende ist eine ganz persönliche. Sie sollte immer eine eigene, freiwillige, informierte und vor allem eine bewusst getroffene Entscheidung sein.“

Es gab immer gut begründete Verfassungsrechtliche Bedenken an der Widerspruchslösung. Diese haben sich nicht geändert.

Befürworter sagen, diese kranken Menschen hätten ein Recht darauf das sich der Staat für sie einsetzt da er nach Art. 2 II 1 GG verpflichtet sei ihr Leben zu retten. Stimmt, natürlich hat der Staat eine Fürsorgepflicht für Kranke..

Art. 2 II 1 GG enthält zwar die Verpflichtung des Staates „sich schützend und fördernd vor das Leben zu stellen“, aber dies gilt für JEDES Leben, auch dass des potentiellen Spenders, denn bei einer von der DSO eingeräumten Fehlerquote von 0,67%, trägt er das Risiko fälschlicherweise für Tod erklärt zu werden. Schon 1996 gab Bundesgesundheitsminister Seehofer zu bedenken, dass kein Leben zugunsten eines Organempfängers vorzeitig für Tot erklärt werden darf. Die Regierung kann aber, wenn es um Leben und Tod geht,  nicht einfach sagen ein Restrisiko bleibt!

Die Widerspruchslösung geht vom grundsätzlichen Einverständnis zur Organspende aus, auch wenn die betroffene Person sich nicht ausdrücklich erklärt hat. Was ist aber mit Analphabeten, Ausländern, Asylbewerbern, etc. die wegen sprachlicher Barrieren nicht in der Lage sind Widerspruch zu erheben, obwohl dies ihr Wille ist. Das Grundrecht über die Unantastbarkeit und Unversehrtheit des Körpers wird damit einfach ignoriert.

Heribert Prantl ein deutscher Jurist, Journalist und Autor sagt dazu:

„Die Selbstbestimmung über den eigenen Körper ist eine Kernfrage des Menschseins. Diese Kernfrage soll, diese Kernfrage darf nicht der Staat für den Menschen beantworten.“

Ich persönlich bin gegen die Widerspruchslösung, ob doppelt oder nicht. Ich bin der Meinung der Staat hat nicht das Recht so in mein Leben oder Sterben einzugreifen. So wird die „Spende“zur Zwangsexplantation und ist damit einer Demokratie die durch ein Grundgesetz dem individuum höchstmögliche Freiheit zugesteht, nicht mehr gerecht..

 

..oder wie sehen Sie das..